Übungskategorien und Trainingsrollen

Schematische Darstellung: Eine Pyramide zeigt den Aufbau der sportlichen Inhalte des Fechtens

Wir haben einen Versuch unternommen, die ganzen sportlichen Inhalte, die uns in unserem Fechtsport begegnen, zu kategorisieren, um überhaupt einen Überblick zu gewinnen und unser Training besser strukturieren zu können.
Das Ergebnis ist natürlich in vielerlei Hinsicht eine Vereinfachung. Dabei soll besonders betont werden, dass die Übergänge zwischen allen Stufen fließend sind. Die Anordnung der Inhalte in einer Pyramide soll das zum Ausdruck bringen.
Durch den Versuch, die Anforderungen an die Kämpfer nach ihrer Schwierigkeit und Notwendigkeit für das Kämpfen zu sortieren, ist es uns nun auch möglich, den Versuch zu unternehmen, dasselbe mit den Übungen und Spielen zu tun.
Das bedeutet, je weiter oben ein Inhalt in der Pyramide steht (z.B. ein Spiel), desto größer sind auch die mit der erfolgreichen Bewältigung verbundenen Anforderungen (diese sind weitestgehend meisterlich). Das schließt natürlich nicht aus, das auch Anfänger bei einem Spiel etwas lernen, da die Basisanforderungen auch auf höheren Stufen weiterhin umgesetzt werden müssen. Daher wächst der Umfang der von einem erfolgreichen Kämpfer geforderten Fähigkeiten. Die umgedrehte Pyramide soll diesem Sachverhalt Rechnung tragen.
Abschließend sei bemerkt, dass die Inhalte unseres Sportes natürlich in steter Wechselwirkung mit allgemeiner sportlicher Fitness stehen. Einerseits ist sie notwendige Grundlage für das Fechten und andererseits wird sie auch durch den Sport ausgebaut.

Zur weiteren Erläuterung findet sich hier die qualitative Struktur der Fähigkeiten von Kämpfenden und der Fähigkeiten einer Gruppe.

Übungskategorien

Grundübungen

Mit der Kategorie der Grundübungen befinden wir uns quasi auf Atomebene beim Fechten: Grundübungen sind alle Übungen, die auf einfache Bewegungen abzielen und eine Basis schaffen für das sichere und effektive Bewegen. Hier lassen sich ganz konkrete, grundlegende Bewegungsabläufe üben, die sich meist nicht weiter reduzieren oder aufteilen lassen.
Grundübungen enthalten kaum Interaktion mit anderen und wenn, dann nur um überhaupt einen Anlass oder ein Ziel für die Bewegung zu haben. Es gibt in der Regel kein Gewinnziel, da das Individuum im Fokus steht.
Grundübungen lassen sich als Teilbewegungen aus Trainingsübungen verstehen.

Trainingsübungen

Trainingsübungen lassen sich auch als Aufbauübungen verstehen, da dies alle Übungen sind, die aus mehreren Grundbewegungen bestehen oder diese kombinieren. Dies geschieht sowohl zeitlich nacheinander als auch gleichzeitig. Wir sind damit auf der Molekülebene hinsichtlich unserer sportlichen Inhalte.
Hier gibt es meist ein einfaches Gewinnziel, aber keine oder kaum aktive Gegenaktionen. Es geht dabei nicht um das Gewinnen im üblichen Sinne durch das Treffen eines Gegners, sondern durch die Erfüllung einer Übungsaufgabe.
Trainingsübungen werden somit meist alleine oder in Zweier- oder Dreierteams gezielt auf eine bestimmte Aktion ausgeführt. Dabei ist das Moment der Initiative immer auf den Lernenden festgelegt. Es gibt immer Trainer, deren Aufgabe die Herstellung der Übungssituation ist. Beide Seiten haben deshalb nicht die gleichen Aufgaben oder Ziele Trainingsübungen sind Teilsituationen aus Spielen.

Spiele

Spiele bilden motivationale oder örtliche Teilsituationen nach, wie sie in Schlachten vorkommen können. Hier befinden sich mindestens zwei Gruppen in einer Auseinandersetzung, bei der beide Seiten versuchen, das Spiel zu gewinnen. Die Aufteilung der Rollen in Trainer und Lernender ist hier nicht mehr gegeben. Der Lerneffekt entsteht aus dem wiederholten Umgang mit der Situation. Um möglichst viel zu lernen, lohnt es sich, das eigene Verhalten zu variieren.
Spiele sind deutlich komplexer als Übungen, da das Lerntempo nicht mehr individuell eingestellt werden kann und einem Anforderungen aus vielen verschiedenen Teilbereichen begegnen.

Trainingsrollen

Um gezielt lernen und trainieren zu können, ist es notwendig während der Durchführung der Übungen zwischen der Rolle des Trainers und des Lernenden zu unterscheiden. Selbstverständlich kann die Übung mit getauschten Rollen wiederholt werden.

Trainer

Die Aufgabe des Trainers ist die Herstellung der Übungssituation. Dabei soll ein natürliches Verhalten gezeigt werden, damit der Lernende die Übung ausführen kann. Das Vorwissen, wie sich der andere verhalten wird, soll nicht ausgenutzt werden, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das Ziel für den Trainer ist nicht das Gewinnen, sondern dem anderen das Training zu ermöglichen und Spielräume in der Ausübung der Situation zu erkennen und damit einen Umgang zu finden.

Lernender

Der Lernende soll sich auf die Übungssituation konzentrieren. Auch hier ist nicht das Gewinnen das Ziel, sondern das Erkennen der Möglichkeiten der Situation und das Ausprobieren möglicher Varianten. Hierbei sollen sichere, gefährliche und unrealistische Varianten erkannt und unterschieden werden und ein geeigneter Umgang damit gefunden werden.

Übungsstruktur

In unserem Sport ist es üblich, dass Leute mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zum Training zusammenkommen. Einige betreiben zusätzlichen Sport, andere haben kaum Zeit zum Training zu kommen; einige sind schon lange dabei, andere ganz neu eingestiegen, etc.
Dieser Umstand sollte gerade bei der Gestaltung eines Treffens zum Trainings bedacht werden und die Übungen und Spiele so modifiziert werden, dass auf möglichst alle Rücksicht genommen wird. Das erhält die Motivation und erhöht die Gruppenfähigkeiten besonders.
Für die Trainer bedeutet das, dass sie individuelle Fähigkeiten einschätzen müssen und einstufen sollen, welche Art von Übung welche Lern- und Übungseffekte hervorruft und mit welchen Herausforderungen verbunden ist (eine Hilfe dazu findet sich hier). Anschließend soll ein Spiel oder eine Übung so gewählt bzw. so modifiziert werden, dass sie die Fähigkeiten der Lernenden angemessen herausfordert.

Jeder der Lernenden sollte dabei Herausforderungen in dem Spiel oder der Übung finden, die innerhalb seiner Lernzone liegen. Das heißt, man wird so sehr gefordert, dass der eigene Komfortbereich verlassen wird. Aufgaben, die in diesen Bereich fallen, stellen keine Probleme mehr dar, da sie mühelos bewältigt werden können; es gibt hier nichts mehr zu lernen.
Anforderungen liegen in der Lernzone, wenn sie nicht von der Hand gehen, es aber eine ausreichende Chance auf Erfolg gibt. Sind die Anforderungen aber zu hoch, fallen sie in die Panikzone. Hier ist das Scheitern quasi vorprogrammiert, es kann kein Lerneffekt eintreten.
Der Umfang der einzelnen Zonen ist dabei dynamisch. Je mehr Lernerfolge man verzeichnen kann, desto größer wird natürlich auch die Komfortzone, bei der es umso besser ist, je größer sie wird.

Schematische Darstellung: konzentrische Kreise zeigen die Verhältnisse der Herausforderungszonen zueinander

theoretisches/trainingsaufbau.txt · Zuletzt geändert: 2017-05-31 12:34 von Malin

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